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Montag, 11. April 2016

Lassen Sie Neider auflaufen


Philipp S. ist neu im Büro. Mit stolzgeschwellter Brust trägt er nun den Titel Consumer Consultant vor sich her. Erfahrung im Umgang mit Kunden hat der 25-jährige Informatiker eigentlich nicht. Dennoch hat ihn der Chef eingestellt. Philipp S. hat eine unverkrampfte Art, mit Menschen umzugehen, das genügte dem Chef fürs Erste. Frisches Blut wollte er in seinem Team haben, hieß es. Beim Kampf um Anerkennung und Erfolg würde am Ende das Unternehmen profitieren - so der fromme Wunsch des Vorgesetzten. Denn Neid spornt an, lautet seine Devise. Wären die Japaner etwa jemals zur Nummer eins der Automobilbranche geworden, wenn sie nicht nach VW und Opel geschielt hätten?

Neid kann motivieren Neid und Konkurrenz kommen überall vor. Es gibt ihn im Sportverein, in den besten Familien und natürlich am Arbeitsplatz. "Neid kann tatsächlich motivieren", sagt Heinz Schüpbach, Professor an der Universität Freiburg. Das funktioniert natürlich nur unter Mitarbeitern, die vergleichbare Arbeit und Leistung vollbringen. So ist der Elektriker sicher nicht neidisch auf den Professor, auch wenn der mehr Geld verdient. "Es geht um Gleichwertigkeit und Vergleichbarkeit", so der Professor. Um die Frage: Wie stelle ich mich an im Vergleich zu dem Kollegen? Damit Neid tatsächlich zu mehr Leistung im Kollektiv führe, müsse für alle Beteiligten auch eine realistische Chance bestehen, das zu bekommen, auf das man neidisch ist: Mehr Anerkennung, mehr Geld, das schönere Büro oder einen neuen Dienstwagen.

Natürlich kommt es im Fall von Philipp S. anders. Die älteren Kollegen haben viel länger gebraucht, um an ihre Position zu gelangen. Auf den Fluren wird daher geschmollt und geklatscht. Gleich den ersten Fehler jazzen die Kollegen zum Staatsakt hoch. "Viele Job-Neulinge rechnen damit, dass sie mit Blumen empfangen werden - das ist natürlich eine Illusion", sagt Jürgen Hesse, Psychologe, Karriereberater und Geschäftsführer des Büros für Berufsstrategie Hesse/Schrader in Berlin. Meistens sehen die alten Kollegen in dem Neuen keineswegs eine Bereicherung für das Team, sondern einen Störfaktor. Er muss eingearbeitet werden, hält den Arbeitsfluss auf und bringt die Hierarchie durcheinander. Mit einigen Maßnahmen kann der Neue im Team der Missgunst dienstälterer Kollegen vorbeugen. "Viel hören, viel sehen, wenig sagen", empfiehlt Hesse. Im Berufsleben funktioniere die Situation wie beim Aufstieg von der Grundschule auf das Gymnasium: Auch dort lassen die Großen die Kleinen nicht sofort mitspielen, der Neue muss sich unterordnen. Es ist an ihm, sich vorzustellen, um Hilfe zu bitten und für schönes Wetter zu sorgen.

"Die Kindheit dauert hundert Jahre", meint der Psychologe Jürgen Hesse, "da übernehmen die Kollegen im Büro die Rolle der Geschwister und die Vorgesetzten die der Eltern." Kommt ein neues Familienmitglied dazu, wird es zunächst kritisch beäugt. Im Job wird die Situation vor allem dann besonders heikel, wenn einer aus dem Kollegenkreis plötzlich zum Vorgesetzten wird. In dem Fall kann es helfen, die Tretminen zu entschärfen: "Sprechen Sie das Thema an", rät Hesse, denn Neidgefühle, die man thematisiert, verlieren an Schärfe.

Weniger Aufstiegschancen Psychologen haben erkannt, dass vor allem Frauen ein Problem damit haben, von anderen beneidet zu werden. Oft neigen sie deshalb dazu, ihre eigenen Leistungen herunter zu spielen. Ein Dilemma - zumal sie sich dadurch ihrer eigenen Aufstiegschancen berauben.
Doch es gibt Rezepte gegen notorisch Missgünstige - Jürgen Hesse: Lassen Sie neidische Kollegen auflaufen. "Jeder hat irgendwann einmal Glück, dieses Mal war ich dran", so eine Bemerkung kann Wogen glätten. "Ihr wärt sicherlich auch gerne an meiner Stelle, aber ich werde euch noch brauchen!" Loben Sie die anderen: "Ohne euch hätte ich das nie geschafft!"

"Wenn Missgunst das Arbeitsklima vergiftet, hat das Unternehmen ein Führungsproblem", sagt Thomas Binder, Wirtschaftspsychologe in Berlin. Tatsächlich kann das Unternehmen selbst bereits mit ein paar grundlegenden Regeln den Neid abfedern: Neue Angestellte sollten nicht unmittelbar ältere und ranghöhere Mitarbeiter ersetzen, vielmehr sollten sie sich ihren Status erarbeiten. Aber was tun, wenn die benachteiligten Kollegen schon die Messer gewetzt haben und den neuen Teamleiter nicht anerkennen?

Thomas Binder empfiehlt die Metakommunikation. "Steigen Sie nicht auf den Inhalt ein, sondern auf die Botschaft." Wer sich verteidigt, habe schon verloren. Sprechen Sie missgünstige Kollegen direkt an: "Gönnt ihr mir das nicht?" Neid ist ein Tabu. Und niemand, der neidisch ist, spricht offen darüber. Diese negative Emotion bricht sich auf andere Weise eine Bahn: In 60 Prozent aller Fälle von Mobbing steckt Neid dahinter.

© Berliner Morgenpost 23.02.2013 von Kirsten Niemann