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Freitag, 18. November 2016

Zu dick für den Job?


Stark übergewichtige Menschen haben bei Bewerbungen schlechte Karten. Das zeigt eine aktuelle Studie. Bei einem Foto-Experiment unterschätzten Personalentscheider die korpulenten Kandidaten drastisch, Führungsfähigkeiten traute ihnen fast niemand zu - schon gar nicht fülligen Frauen.

Echte Profis in Personalabteilungen meiden Küchenpsychologie bei der Bewerberauswahl. Von Vorurteilen sollten sie sich erst recht frei machen können. Das Körpergewicht etwa verrät ja gar nichts über berufliche Kompetenzen. Dennoch kann die Karriere an den Kilos scheitern. Eine neue Studie eines Tübinger Forscherteams zeigt, wie schnell dicke Bewerber im Abseits landen: Übergewichtige werden von den Verantwortlichen ungern eingestellt und stark unterschätzt.

Die Wissenschaftler hatten 127 erfahrenen Personalentscheidern Bilder von angeblichen potentiellen Bewerbern vorgelegt und ihnen dazu mehrere Fragen gestellt. Besonders ausgeprägt waren die Vorbehalte gegenüber übergewichtigen Frauen, ergab die Auswertung. Ein zu hohes Körpergewicht ist demnach eine bisher vernachlässigte Ursache für eine Diskriminierung oder sogar Stigmatisierung auf dem Arbeitsmarkt, so das Fazit der Wissenschaftler um Katrin Giel von der Universität Tübingen.

Auf den Bildern waren jeweils nur die mit einheitlichen weißen T-Shirts bekleideten Oberkörper von zwölf Personen im Alter zwischen 40 und 50 Jahren zu sehen, darunter sechs Männer und sechs Frauen. Jeweils zwei der abgebildeten Männer und Frauen waren stark übergewichtig. Von den acht Normalgewichtigen hatten vier einen Migrationshintergrund. Diese Kandidaten habe man dazugenommen, um zu verschleiern, dass es in der Studie ausschließlich um das Körpergewicht ging, erläutern die Wissenschaftler.

Zuerst ordneten die Entscheider den Kandidaten Berufe zu. Zur Auswahl standen Arzt, Architekt, Optiker, Einzelhändler, Pförtner und Reinigungskraft. Im zweiten Schritt sollten sie angeben, wen von den Abgebildeten sie auf keinen Fall einstellen würden. Und schließlich sollten sie aus sechs Kandidaten, im Versuch alle gleich gut qualifiziert, jene drei aussuchen, die sie für eine Abteilungsleiterposition in die engere Wahl ziehen würden.

Die Ergebnisse sind eindeutig: Die Übergewichtigen, speziell die Frauen, schnitten in allen Bereichen schlecht ab. Nur zwei Prozent der Personaler ordneten den adipösen Frauen einen prestigeträchtigen Beruf wie Ärztin oder Architektin zu - bei den normalgewichtigen Frauen waren es mehr als 43 Prozent. Zudem trauten gerade mal sechs Prozent ihnen zu, bei einer Bewerbung um eine Abteilungsleiterstelle in die engere Wahl gekommen zu sein. Auch übergewichtige Männer wurden diskriminiert, allerdings nicht ganz so stark wie die Frauen.

Ebenfalls bemerkenswert: Die Personalentscheider schätzten die Karrierechancen von Dicken sogar erheblich geringer ein, als es die Realität des deutschen Arbeitsmarktes hergibt. Der tatsächliche Anteil übergewichtiger Männer in prestigeträchtigen Berufen ist mehr als fünfmal so hoch wie die Schätzungshäufigkeit in unserem Experiment, bei Frauen sogar fast achtmal.

Dieses Ergebnis ist erschreckend, denn Personaler sind in der Regel viel besser als der Normalbürger ausgebildet, unabhängig von Vorurteilen zu entscheiden. Ihnen standen für die Einschätzung der Kandidaten ausschließlich die Fotos zur Verfügung; in realen Bewerbungsverfahren dagegen zählen viele verschiedene Faktoren. Aber gerade die isolierte Betrachtung sehr gut die unbewusst vorhandenen Vorurteile von Personalentscheidern gegenüber Adipösen wieder.

Die Untersuchung ist jetzt in einem Fachjournal erschienen. Die Erfahrung von Benachteiligungen führt den Forschern zufolge zu einer Stigmatisierung. Und die animiere Übergewichtige nicht etwa zum Abnehmen - im Gegenteil: Sie fördere das klassische Frustessen und verhindere die Teilnahme an gewichtsreduzierenden Aktivitäten. Das hätten bereits mehrere Studien gezeigt.

Zu ganz ähnlichen Ergebnissen wie die Tübinger Wissenschaftler waren kürzlich australische Forscher gekommen, die allerdings Studenten statt Personaler befragten. Auf fingierte Lebensläufe klebten sie Fotos von fettleibigen Frauen. Die Bilder entstanden vor und nach Operationen zur Magenverkleinerung; sie zeigten teils stark Über-, teils Normalgewichtige. Bei den Fragen nach den Karrierechancen wie nach dem Führungspotential schnitten dicke Frauen miserabel ab. Und je attraktiver die Studenten sich selbst fanden, desto größer waren ihre Vorurteile.

Wie stark der Faktor Attraktivität Bewerbungen beeinflusst, belegen auch andere Untersuchungen. Für Kandidaten mit ausländischen Namen kann das ebenso gelten - auch sie fliegen schnell aus dem Rennen, wie vor zwei Jahren eine Studie Konstanzer Forscher ergab.

Quelle www.spiegel.de